Niklaus Zimmermann: «Wir müssen die Selbsthilfe der Natur förde …

«Biodiversität» ist ein Begriff mit einer grossen Karriere in der letzten Zeit. Aber warum ist die Biodiversität überhaupt so wichtig?
Die Biodiversität erbringt eine ganze Reihe von Leistungen für uns Menschen. Pflanzen etwa binden CO2 und produzieren Sauerstoff. Ohne die Vielfalt der Insekten gäbe es keine Bestäubung und viel weniger natürliche Schädlingsbekämpfung und dadurch auch weniger landwirtschaftliche Produkte. Biodiverse Wälder schützen nachhaltiger vor Lawinen, Steinschlag und anderen Naturgefahren.
Im Gegensatz dazu sind Monokulturen viel weniger resilient. Je eintöniger ein Ökosystem ist, desto weniger nachhaltig kann es seine Leistungen erbringen. Von diesen Leistungen sind wir viel abhängiger, als wir denken. Hinzu kommt: Die Natur erbringt sie alle gratis. Müssen wir sie ersetzen, beispielsweise mit Lawinenverbauungen, kostet das viel Geld.
Ökosysteme sind an sich schon komplex und werden von vielen Faktoren beeinflusst. Jetzt kommt auch noch der Klimawandel dazu. Was heisst das für die Biodiversität?
Grundsätzlich ist der Klimawandel eine grosse Herausforderung für die Biodiversität, und der Verlust an Biodiversität verstärkt wiederum den Klimawandel. Wir konnten 2018 im sehr trockenen Sommer in der Ostschweiz Folgendes beobachten: Die Buchen warfen ihre Blätter mitten im Sommer ab, teils starben sie, die Eichen daneben blieben grün und vital. Dank Biodiversität hat der Wald seine Funktionen also erhalten können. Wenn hingegen Wälder grossflächig absterben, wird sehr viel CO2 frei, was wiederum den Klimawandel verstärkt. Biodiversitätsschutz ist also auch Klimaschutz.
Können sich Ökosysteme nicht auch an den Klimawandel anpassen?
Die Natur kann damit umgehen, dass das Klima nicht jedes Jahr identisch ist, sondern recht variabel. Die meisten Tier- und Pflanzenarten ziehen aber bestimmte Klimabedingungen vor. Kaum eine Art kommt auf dem ganzen Globus vor, etwa in den tropischen Regenwäldern und gleichzeitig in der Arktis. Wenn sich das Klima systematisch verändert, trockener und heisser wird, müssen Arten wandern und sich an neuen Orten ansiedeln.
Es gibt Arten, die das gut machen können. Ein Reh oder eine Gämse beispielsweise kann an einem Tag grosse Distanzen zurücklegen. Für kleine Tiere wie die Spitzmaus ist es schon schwieriger, für Schnecken und Würmer, die sich im Boden bewegen, noch schwieriger. Und bei Pflanzen ist es ein sehr langsamer Prozess. Sie müssen aufwachsen, zur Blüte gelangen, Samen bilden und auswerfen und wieder neu aufwachsen. Pflanzen können von wenigen Metern bis zu maximal einem Kilometer pro Jahr wandern. In 100 Jahren kann eine Pflanzenart also nicht einmal die ganze Schweiz durchwandern. Das ist die grosse Herausforderung, die der Klimawandel an die Arten und die Biodiversität an sich stellt: Die Veränderung geschieht momentan zu schnell.
Das unterstreicht einmal mehr, wie wichtig es ist, den Klimawandel zu begrenzen. Was können wir sonst tun, um die Biodiversität angesichts des Klimawandels zu erhalten?
Die Vernetzung wird extrem wichtig. Bisher haben wir uns auf den Schutz der wertvollsten Flächen konzentriert. Damit wurde die Rote Liste aber nicht kürzer. Sie wird erst kürzer werden, wenn wir die Vernetzung verbessern.
Wir müssen dafür sorgen, dass die Populationen genetisch ausreichend divers werden, damit sie sich eigenständig untereinander austauschen können. Arten und Individuen müssen wandern. Das können sie aber nur, wenn die Barrieren und Distanzen zwischen den geeigneten Habitaten nicht zu gross werden. Wir können nicht jedes einzelne Lebewesen und jede Art retten. Aber wir können die Selbsthilfe der Natur fördern, indem wir vernetzte Habitate schaffen, was die Wanderung der Arten beschleunigt.
Hier können beispielsweise die Gemeinden darauf achten, mit eigenen Schutzgebieten die Vernetzung von Lebensräumen zu unterstützen und eine vielfältige Landschaft auf Gemeindeebene zu erhalten.
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