«Sich zu informieren, muss erlernt werden»

Nun ist ja Medienkompetenz in den Schulen ein Thema und im Lehrplan verankert. Nur: Was versteht man eigentlich unter diesem Begriff?
Tatsächlich passiert in den Schulen in diesem Bereich zurzeit relativ viel, allerdings wird die Medienkompetenz in der Regel recht technisch interpretiert. Das pädagogisch sinnvolle Einsetzen verschiedener Techniken im Unterricht ist natürlich wichtig, und ebenso wichtig ist der Bereich, den man weitläufig unter dem Titel «Medien und Gesundheit» subsumieren kann – dazu gehören Themen wie Bildschirmzeit, Cybermobbing, Sexting oder Bodyshaming. Hier wird eine Menge gemacht, und es gibt auch zahlreiche Angebote für Schulen. Die publizistische Medienkompetenz hingegen, wie wir sie nennen – also die Wahrnehmung des Journalismus und der journalistischen Angebote als Wissensressource – kommt kaum vor.
Welche Inhalte gälte es in diesem Bereich zu vermitteln?
In einer der Fortbildungen für Lehrpersonen, die ich ab und zu durchführe, hat mir ein Lehrer mal gesagt: «Ich kann den Schülerinnen und Schülern lange sagen, dass sie den ‹Tages-Anzeiger› oder die ‹NZZ› lesen sollen, wenn sie gar nicht wissen, was das ist.» Das heisst, es geht zunächst darum, publizistische Medien überhaupt wieder bekanntzumachen und den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln: Hier könnt ihr euch informieren. Dies wiederum setzt voraus, dass sie sich informieren wollen. Und dabei spielen die Schulen eine zentrale Rolle, denn sich zu informieren, muss erlernt werden. Und auch die Wichtigkeit, sich zu informieren, muss erlernt werden.
Besteht in den Schulen bezüglich publizistischer Medienkompetenz also Nachholbedarf?
Der Schulbereich kann auf gesellschaftliche Entwicklungen oft gar nicht so schnell reagieren. Social Media ist noch ein recht junges Phänomen, flächendeckend gibt es sie seit etwa 20 Jahren. Für den Schulbereich ist das eine eher kurze Zeit. Was ich aber sehe: Der Lebens- und Erfahrungshorizont von Jugendlichen und Lehrpersonen ist kaum je so weit auseinandergeklafft wie jetzt. Lehrpersonen, gerade die etwas älteren, lesen vielleicht noch Zeitungen, aber von den Schülerinnen und Schülern liest kaum noch jemand Zeitungen. Vielleicht schauen einige mal in die Pendlerzeitung «20 Minuten», weil sie irgendwo herumliegt. Ansonsten sind Kinder und Jugendliche komplett auf digitale Mediennutzung fixiert.
Was sollte man in den Schulen also tun?
Meiner Meinung nach braucht es dringend eine Verankerung in der Schule in verpflichtender Form, das heisst ein Fach «Medienkunde» oder wie immer man es dann nennen will. Und die Ausbildung der Lehrpersonen müsste entsprechend angepasst werden. Natürlich gibt es auch externe Angebote. Zurzeit laufen die Medienwochen, die in Zusammenarbeit von verschiedenen Medienhäusern und dem Medienausbildungszentrum MAZ organisiert werden. Im Kanton Zürich profitieren in diesem und im nächsten Schuljahr insgesamt 50 Klassen von Sekundar-, Mittel- und Berufsfachschulen von diesem Projekt. Das ist eine gute Sache, aber bei solch punktuellen Angeboten stellt sich immer die Frage nach der Nachhaltigkeit.
Die Medienwochen sind nicht das einzige Angebot, zurzeit tut sich gerade einiges. Bei den Medien scheint das Problem erkannt zu sein?
Tatsächlich laufen zurzeit ein paar Projekte, die entweder gerade gestartet sind oder kurz davorstehen. Aber funktioniert das auch breitflächig? Für eine Lehrperson oder eine Schule ist es immer auch eine Ressourcenfrage, so etwas in den Unterricht einzubauen. Ich ziehe deshalb den Hut vor den Lehrpersonen, die aus eigener Motivation eine Medienwoche organisieren oder jemanden in die Schule holen, um das Thema aufzugreifen. Aber das kann nicht die Lösung des Problems sein. Und über einen Punkt haben wir noch gar nicht gesprochen: Wie erreicht man die bildungsfernen Schichten? Solche Projekte werden oft von Schulen genutzt, deren Schülerinnen und Schüler zu den am wenigsten newsdeprivierten gehören. Aber wie erreicht man die Jugendlichen in jenen Schulen, in denen man an ganz grundlegenden Dingen wie Sprachkompetenz arbeiten muss?
Sie leiten das Projekt «Check News» des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft der Uni Zürich. Es bietet Lerninhalte für Schulen an. Warum machen Sie das?
Bei externen Angeboten stellt sich immer die Frage: Wie kommt es in die Schulen, und zwar in möglichst viele? Wir vom fög sahen aufgrund unserer Forschungen klaren Handlungsbedarf, und wir haben das Glück, dass wir mit der Plattform IQES zusammenarbeiten können. Dahinter steht die wohl grösste private Weiterentwicklungsorganisation für Schulen in der Schweiz, gegründet von Lehrpersonen und Pädagogen. IQES bietet fachdidaktische Unterrichtsmaterialien, Schulverwaltungsprogramme und vieles mehr für die Schulen. «Check News» umfasst den Bereich Medienkompetenz. Im Gegensatz zu den anderen Angeboten sind unsere aber kostenlos. Für alle Angebote von IQES gilt hingegen: Sie sind sehr attraktiv und gut aufbereitet. Das machen Didaktiker, wir selbst könnten das ja nicht. Da wir für die Schweiz die komplette Nutzungsforschung betreiben, haben wir die Daten und wissen, was Jugendliche in diesem Bereich brauchen und was man machen kann. Und die Leute hinter IQES können das perfekt umsetzen.
Und kommt «Check News» bei den Schulen an?
In den drei Jahren, seit es «Check News gibt», haben wir fast 100 Themenseiten zusammengestellt, die den Lehrpersonen für ihren Unterricht zur Verfügung stehen. Mit den Download-Zahlen sind wir extrem zufrieden. Wir bieten auch Webinare für Schulklassen an, etwa zum journalistischen Arbeiten, und auch die werden stark nachgefragt. Wir haben beispielsweise mit der Social-Media-Redaktion von «20 Minuten» einen Beitrag erarbeitet, in dem die Journalistinnen und Journalisten erklären, wie sie einen Videobeitrag erstellen. Demnächst machen wir ein Webinar mit ZDF zur Frage, wie Nachrichten entstehen.
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