Pavlo Poshtarenko – Vom Profiweg bei Dynamo Kyiv zur Torwartfami …
Name: Pavlo Poshtarenko
Geburtsdatum: 12. April 1991
Nationalität: Ukraine
Position: Torhüter / Torhütertrainer
Grösse: 1,88 m
Beim FC Thalwil: Torhütertrainer der 1. Mannschaft, Mitglied des technischen Staffs und im Notfall auch als Torhüter bereit
Weitere Tätigkeit: Head Goalkeeper Coach bei Gripmode und verantwortlich für die Modern Goalkeeping Academy
Karriere-Highlights: Nachwuchs von Dynamo Kyiv, ukrainischer U17-Nationaltorhüter, Profistationen in der Ukraine und Moldawien, Meister der ukrainischen 1. Liga 2015/16 mit Zirka Kropyvnytskyi
Pavlo Poshtarenko bringt eine aussergewöhnliche Fussballgeschichte, internationale Erfahrung und eine grosse Leidenschaft für das Torwartspiel zum FC Thalwil. Bereits mit zehn Jahren wurde er in die Nachwuchsakademie von Dynamo Kyiv aufgenommen – bei jenem Verein, von dem damals fast jedes fussballbegeisterte Kind in der Ukraine träumte.
Es folgten Jahre im Profifussball mit Stationen in der Ukraine und in Moldawien. Pavlo durfte mit der ersten Mannschaft von Dynamo Kyiv trainieren, lief für die ukrainische U17-Nationalmannschaft auf und sammelte unter anderem beim FC Tiraspol wertvolle Erfahrungen in der höchsten moldawischen Liga. Einen besonderen Höhepunkt erlebte er mit Zirka Kropyvnytskyi: Nach drei Jahren harter Arbeit gelang der Aufstieg in die ukrainische Premier League – verbunden mit dem Meistertitel in der ukrainischen 1. Liga.
Heute gibt Pavlo seine Erfahrungen als Torhütertrainer mit viel Fachwissen, Geduld und Begeisterung weiter. Beim FC Thalwil ist er ein wichtiger Teil des Staffs unserer 1. Mannschaft. Gleichzeitig arbeitet er als Head Goalkeeper Coach bei Gripmode und leitet die Modern Goalkeeping Academy, wo er junge Torhüterinnen und Torhüter gezielt fördert. Und wenn es die Situation verlangt, zieht er selbst noch die Handschuhe an – so wie in der vergangenen Saison, als er unserer ersten Mannschaft in einer schwierigen personellen Situation aushalf und seine Klasse eindrücklich unter Beweis stellte.
Hauptinterview
1. Pavlo, wie hat alles angefangen?
Ich habe mit fünf Jahren angefangen, Fussball zu spielen. Mit zehn Jahren wurde ich in die Nachwuchsakademie von Dynamo Kyiv aufgenommen. Dort begann eigentlich schon mein Weg in Richtung Profifussball.
2. Was bedeutete es für dich, Teil von Dynamo Kyiv zu sein?
Ich glaube, fast jedes Kind in der Ukraine, das Fussball liebte, träumte davon, einmal für Dynamo Kyiv zu spielen. Der Verein hat eine unglaubliche Geschichte, spielte regelmässig in der Champions League und brachte drei Ballon-d’Or-Gewinner hervor.
Für mich war es deshalb eine grosse Ehre, Teil eines solchen Vereins zu sein. Dort gab ich mein Debüt im Profifussball und bekam auch die Möglichkeit, mit der ersten Mannschaft zu trainieren.
3. Welche Erinnerungen verbindest du mit deiner Zeit in der ukrainischen U17-Nationalmannschaft?
In erster Linie war es eine sehr wertvolle internationale Erfahrung. Man bekommt die Möglichkeit, gegen die besten jungen Spieler anderer Länder anzutreten.
Das Wichtigste, was ich aus dieser Zeit mitgenommen habe, ist aber: Eine Nationalmannschaft ist kein Verein. Man hat dort kaum Zeit für einen normalen Trainingsprozess. Deshalb muss man schon in jungen Jahren lernen, sich wie ein Profi zu verhalten – sich selbstständig auf Spiele vorzubereiten, seinen Körper zu verstehen und zu wissen, was man persönlich braucht, um seine beste Leistung abrufen zu können.
Genau diese Erfahrung versuche ich heute meinen Torhütern weiterzugeben. Ich möchte sie nicht nur technisch, sondern auch mental auf den Profifussball vorbereiten.
4. Welche Station hat dich am stärksten geprägt?
Jede Station meiner Karriere war auf ihre eigene Art interessant und wertvoll.
Beim FC Tiraspol konnte ich Erfahrungen in der höchsten moldawischen Liga sammeln und unter anderem drei Spiele gegen Sheriff Tiraspol, den grossen Verein des Landes, bestreiten.
Besonders hervorheben würde ich aber meine Zeit bei Zirka Kropyvnytskyi. Ich war drei Jahre dort und habe viele Spiele absolviert. Gleichzeitig konkurrierte ich mit älteren und sehr erfahrenen Torhütern, die zuvor bereits in der ukrainischen Premier League und in europäischen Wettbewerben gespielt hatten. Von ihnen konnte ich sehr viel lernen, und dieser Konkurrenzkampf war für meine Entwicklung als junger Torhüter unglaublich wertvoll.
5. Wie wichtig war der Meistertitel mit Zirka Kropyvnytskyi für dich?
Es war mein Traum – und gleichzeitig der Traum einer ganzen Stadt. Unsere Spiele wurden regelmässig von 5’000 bis 10’000 Fans besucht. Man konnte also spüren, wie viel dieser Erfolg den Menschen bedeutete.
Für mich war dieser Titel vor allem das Ergebnis von viel Geduld. Unser Ziel war der Aufstieg in die Premier League, aber wir haben es erst in der dritten Saison geschafft. Deshalb war der Moment, in dem wir unser Ziel endlich erreicht hatten, umso emotionaler und besonderer.
6. Gibt es einen besonderen Moment aus deiner Profikarriere?
Ich denke dabei immer wieder an das Jahr 2008 zurück. Es war ein ganz besonderes Jahr für mich.
Im Januar wurde ich zum besten Torhüter eines Winterturniers gewählt, an dem 20 Mannschaften aus der ersten und zweiten ukrainischen Liga teilnahmen. Nur zwei Monate später gab ich, noch vor meinem 17. Geburtstag, mein Debüt im Profifussball.
In diesem Spiel hielt ich einen Penalty und zeigte, ehrlich gesagt, eine sehr starke Leistung gegen die Mannschaft, die zu diesem Zeitpunkt auf dem ersten Tabellenplatz stand.
Wenn ich mir heute die Aufnahmen dieses Spiels anschaue, kommen die gleichen Emotionen von damals sofort wieder zurück.
7. Was fasziniert dich bis heute am Torhüterspiel?
Mich fasziniert vor allem, wie gross der Einfluss eines Torhüters auf das Spiel seiner Mannschaft sein kann.
Mit unseren Paraden können wir ein Spiel verändern, und mit einem guten Spiel mit den Füssen können wir Angriffe einleiten und unsere Mannschaft im Spielaufbau unterstützen. Unsere Position ist extrem wichtig, und unsere Entscheidungen können einen direkten Einfluss auf den Verlauf und das Ergebnis eines Spiels haben.
8. Wann hast du gemerkt, dass du Torhütertrainer werden möchtest?
Ich arbeite mittlerweile seit rund acht Jahren als Torhütertrainer.
Nach dem Ende meiner Profikarriere war ich zunächst ausserhalb des Fussballs tätig. Aber wahrscheinlich kann man seiner Berufung nicht entkommen. 😁 Mit der Zeit bekam ich immer mehr Angebote, als Trainer zu arbeiten.
Zuerst arbeitete ich mit Kindern, später eröffnete ich meine eigene Torhüterschule. Innerhalb von fünf Jahren konnte ich fünf Torhüter ausbilden und auf ihrem Weg zu Profimannschaften begleiten.
Einer von ihnen ist Evgen Morozov, Torhüter der ersten Mannschaft des FC Zürich, der diesen Sommer in einem Freundschaftsspiel gegen uns, den FC Thalwil, gespielt hat.
Heute arbeite ich bei Gripmode als Head Goalkeeper Coach und bin für die Modern Goalkeeping Academy verantwortlich. Dort kann ich meine Erfahrung aus dem Profifussball und aus meiner bisherigen Arbeit als Torhütertrainer täglich weitergeben. Neben dem regelmässigen Torhütertraining organisieren wir auch spezielle Goalkeeper Camps und Events für junge Torhüterinnen und Torhüter.
9. Wie würdest du deine Trainingsphilosophie beschreiben?
Meine Philosophie beginnt mit einem einfachen Gedanken: Ein Torhüter ist in erster Linie ein Fussballspieler, der zusätzlich die Möglichkeit hat, seine Hände zu benutzen. Deshalb möchte ich, dass meine Torhüter mit den Füssen auf einem Niveau spielen können, das mit dem eines Feldspielers vergleichbar ist.
Danach muss man unterscheiden, welche Ziele ein Torhüter verfolgt. Es gibt den professionellen und semiprofessionellen Sport, und es gibt Fussball als Fitness oder Hobby. Wenn wir über die erste Kategorie sprechen, müssen wir körperlich stark und ausdauernd sein. Ohne diese Voraussetzungen können wir unsere Technik nicht auf höchstem Niveau entwickeln, denn der Körper muss in der Lage sein, das umzusetzen, was der Kopf bereits entschieden hat.
Ein weiterer sehr wichtiger Punkt für mich ist die Grundstellung des Torhüters. Ich investiere viel Zeit in dieses Thema, denn dabei geht es um Koordination, Balance und Körpergefühl. Eine gute Grundstellung ermöglicht es dem Torhüter, den richtigen ersten Schritt zum Ball zu machen. Grundstellung und Technik sind für mich direkt miteinander verbunden.
Kurz gesagt: Ein moderner Torhüter muss eigentlich alles können – also ein bisschen Superman sein. 😁
10. Wie erlebst du die Zusammenarbeit beim FC Thalwil?
In meiner Heimat gibt es einen bekannten Ausdruck: «Es funktioniert wie ein Schweizer Uhrwerk.» 😁 Nicht alle Schweizer verstehen sofort, was ich meine, wenn ich das sage, aber genau so würde ich unsere Zusammenarbeit beim FC Thalwil beschreiben.
Jeder übernimmt seinen Teil der Arbeit, damit die Mannschaft das bestmögliche Resultat erreichen kann und sich die Zeiger unserer gemeinsamen Uhr in die richtige Richtung bewegen.
11. Wie hast du deine Einsätze als Torhüter erlebt?
Die Zeit im Fussball vergeht unglaublich schnell. Deshalb schätze ich heute jeden einzelnen Moment, in dem ich noch einmal selbst auf dem Fussballplatz stehen kann.
In dieser Phase war ich praktisch in der Rolle eines spielenden Torhütertrainers und trainierte regelmässig mit der Mannschaft. Deshalb war ich körperlich und mental bereit, wenn ich gebraucht wurde.
Mein erstes Spiel verlief für mich sehr gut, und im zweiten konnte ich das Spielfeld sogar ohne Gegentor verlassen. 😁 Das waren für mich besondere Momente.
12. Was braucht ein Torhüter mental?
Ich sage gerne: Ein guter Torhüter muss zuerst seine 100 Gegentore kassieren, bevor er zu einem Supertorhüter werden kann.
Das Wichtigste ist zunächst Spielpraxis. Gerade das Treffen von Entscheidungen unter dem Druck eines echten Spiels macht uns mental stärker. Und Niederlagen können für die Entwicklung genauso wichtig sein wie Siege.
Es gibt einfache Fragen, die helfen können, unter psychischem Druck wieder den Fokus zu finden: «Wer bin ich? Wo bin ich? Was mache ich gerade? Was muss ich jetzt tun?» Danach konzentriert man sich wieder auf seine konkreten Aufgaben.
Mein persönlicher Ansatz, den ich von Spiel zu Spiel entwickelt habe, ist, mich vollständig auf das Spiel zu fokussieren. Nicht darüber nachzudenken, wer auf der Tribüne sitzt oder welche Entscheidung der Schiedsrichter getroffen hat, sondern jeden Moment des Spiels zu leben, Situationen zu lesen und zu versuchen, den nächsten Moment zu antizipieren.
Wenn ich einen Fehler gemacht oder ein Gegentor kassiert habe, habe ich mir einfache Fragen gestellt: «Ist das Spiel schon vorbei? Was passiert, wenn ich jetzt stehen bleibe? Was muss ich als Nächstes tun – weiterspielen oder mich über den Fehler ärgern?»
Diese Denkweise hat mir geholfen, schnell wieder ins Spiel zurückzufinden, meiner Mannschaft Sicherheit zu geben und bereit zu sein, sie in der nächsten Situation wieder zu unterstützen oder zu retten.
13. Was möchtest du jungen Torhüterinnen und Torhütern vermitteln?
Mein wichtigstes Ziel ist, dass sie Fussball lieben und wirklich Torhüter sein wollen.
Technik, Taktik, Athletik und Persönlichkeit – TE/TA/AT/PE – sind dann die Bereiche, an denen wir im Training arbeiten und über die wir viel sprechen.
Für mich geht es nicht nur darum, einem Kind eine bestimmte Torwarttechnik beizubringen. Ich möchte, dass die jungen Torhüter Freude am gesamten Prozess haben und sich sowohl als Sportler als auch als Persönlichkeit weiterentwickeln.
14. Welche Unterschiede siehst du zwischen dem Torhütertraining in der Schweiz und in der Ukraine?
In der Schweiz ist die Ausbildung der Torhütertrainer sehr gut strukturiert.
Bevor man die UEFA Goalkeeper B Lizenz absolviert, durchläuft man die Ausbildungen Level 1 und Level 2. Dort lernt man die Schweizer Methodik der Torhüterausbildung kennen, unter anderem die Prinzipien CATCH / GO / BACK / STAY. Dadurch verfügen die Torhütertrainer über eine gemeinsame Basis und arbeiten nach einer einheitlichen Philosophie.
In der Ukraine gibt es eine solche stufenweise Ausbildung leider nicht. Die spezifische Ausbildung beginnt im Wesentlichen erst mit der UEFA GK B Lizenz. Deshalb bauen viele Torhütertrainer ihre Trainingsmethodik hauptsächlich auf ihren eigenen Erfahrungen aus dem Profifussball auf.
15. Welche Bedeutung haben Familie, Fussball und die Ukraine heute für dich?
Wenn man weit weg von seiner Heimat lebt, besonders in einer so schwierigen Zeit, beginnt man noch mehr zu schätzen, dass man mit seiner Familie zusammen sein kann.
Meine Frau, meine Kinder und ich versuchen, unser Land hier würdig zu vertreten und mit den Möglichkeiten, die wir haben, Menschen zu unterstützen, die sich momentan in der Ukraine in sehr schwierigen Situationen befinden.
Der Fussball hat mir hier in der Schweiz viele Freunde geschenkt. Diese Menschen haben mich und meine Familie unglaublich unterstützt.
Im Gegenzug versuche ich, alles, was ich hier mache, zu 101 Prozent zu machen. Für mich ist das auch eine Möglichkeit, den Menschen, die uns unterstützt haben, und der Schweiz meine Dankbarkeit zu zeigen.
16. Was schätzt du am FC Thalwil besonders?
Ich schätze vor allem die Professionalität. Hier sind Menschen zusammengekommen, die Fussball einfach lieben und etwas Gutes dafür tun möchten. Das ist für mich unbezahlbar.
Und wenn wir speziell über unsere erste Mannschaft sprechen, ist es eigentlich ganz einfach: Für mich fühlt es sich wie eine Familie an.
17. Welche Ziele hast du für diese Saison?
Für den Torhüterbereich ist mein Ziel klar: Ich möchte alles dafür tun, dass unsere Torhüter zu den besten der Liga gehören.
Und mit der gesamten Mannschaft möchten wir an den Erfolg der vergangenen Saison anknüpfen.
Stop & Go
1. Lieblingsparade?
Den Ball nicht nur abwehren, sondern direkt festhalten.
2. Lieblings-Torhüter aller Zeiten?
Gianluigi Buffon.
3. Bester Torhüter der Gegenwart?
David Raya.
4. Lieblingsstadion?
Das Olympiastadion in Kyiv.
5. Wichtigster Gegenstand in deiner Torwarttasche?
Torwarthandschuhe.
6. Elfmeter: Intuition oder Analyse?
Beides zusammen – Analyse und Intuition.
7. Lieber eine spektakuläre Parade oder ein ruhiger 1:0-Sieg?
Ein 1:0-Sieg.
8. Dein Lieblingsessen aus der Ukraine?
Borschtsch.
9. Ein Wort, das dich als Trainer beschreibt?
Detailorientiert.
10. Dein persönliches Motto?
Mit Geduld und harter Arbeit kann man alles erreichen.
Schlusswort
Pavlo, vielen Dank für deine offenen, ehrlichen und aussergewöhnlich spannenden Einblicke. Deine Geschichte zeigt eindrücklich, wie viel Geduld, Disziplin und Leidenschaft hinter einer erfolgreichen Laufbahn stehen – vom Nachwuchs bei Dynamo Kyiv über den Profifussball in der Ukraine und Moldawien bis zu deiner heutigen wertvollen Arbeit als Torhütertrainer.
Ich persönlich bin sehr beeindruckt von dem, was du in deiner Karriere als Profitorhüter erreicht hast, und von der Art, wie du diese Erfahrungen heute an junge Torhüterinnen und Torhüter weitergibst. Für den FC Thalwil ist es ein grosser Mehrwert und ein Glücksfall, dich im Staff unserer ersten Mannschaft zu haben – als Fachmann, als Teamplayer und als Mensch.
Wir wünschen dir und deiner Familie weiterhin viel Gesundheit, Freude und Erfolg. Mögest du mit deinem Wissen, deiner Ruhe und deiner positiven Energie unsere Torhüter und die gesamte Mannschaft auch in Zukunft bereichern.
💚🤍 HOPP FCT! ⚽
Antonio Di Cerbo




