Wädenswiler gewinnt EM‑Bronze in Zagreb
Dominic Tamsel (26) war Teil der Schweizer Delegation an den Europameisterschaften in Zagreb und holte im Teamfinal die Bronzemedaille. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie er den Wettkampf erlebt hat und was das Schweizer Team besonders macht.
Dominic, im Interview mit dem Schweizer Fernsehen SRF sagst Du «genau für diesen Moment trainiert man das ganze Leben». Jetzt, drei Wochen nach der EM, wie fühlst Du Dich?
Aktuell fühle ich mich wieder erholt von all den Emotionen und Erlebnissen, die mit unserem Erfolg verbunden waren. Die Zeit in Zagreb war fordernd, sowohl physisch als auch psychisch. Zurück in der Schweiz hatten wir drei Tage Pause. Jetzt bin ich wieder im Trainingsalltag, denn mit den Schweizer Mannschaftsmeisterschaften, den Schweizer Einzelmeisterschaften und eventuell den Weltmeisterschaften geht es Schlag auf Schlag weiter.
Was ist besser, Teammedaille oder Einzelmedaille?
Ganz klar eine Teammedaille. Auch wenn Kunstturnen eine Einzelsportart ist, so sind bei den Teamwettkämpfen viel mehr Emotionen drin. Man geht mit einer anderen Einstellung in den Wettkampf. Es macht enorm Spass, zusammen mit den Kollegen zu turnen, man fiebert bei jeder Übung mit. Das gemeinsame Erlebnis, der Weg durch den Wettkampf und das Feiern einer Medaille mit dem Team sind unglaubliche Momente.
Ticken alle fünf Turner dieses erfolgreichen EM-Teams gleich?
Natürlich nicht, aber grundsätzlich sind wir fünf eher ruhige Typen. Niemand ist aufbrausend oder extrovertiert, aber alle sind sehr fokussiert. Florian Langenegger ist der Zuverlässige. Matteo Giubellini ist abgeklärt ohne grosse Emotionen. Mattia Piffaretti ist explosiv. Als Tessiner bringt er viel Temperament und Eleganz mit. Und Noe Seifert ist der Routinier mit viel Erfahrung. Ich selbst bin der ruhige Pool, der das Team zusammenhält, und das Bindeglied zwischen den jungen Turnern und Seifert.
Wie viele Trainer hast Du und welchen Einfluss haben sie auf Deinen Erfolg?
Insgesamt sind es vier Trainer. Für mich persönlich sind zwei Trainer zuständig. Diese schreiben die Trainingspläne und planen die ganze Vorbereitung auf Grossanlässe, sodass wir am Tag X in Höchstform sind. In meinem Alter müssen die Trainer nicht mehr so viel helfen wie in jungen Jahren. Ich trainiere sehr selbstständig und brauche wenige, aber spezifische Feedbacks.
Wie habt Ihr in Zagreb die vier Tage zwischen der Qualifikation und dem Teamfinale verbracht?
Nach der Qualifikation am Mittwochabend war am Donnerstag ausschlafen angesagt. Wir hatten Zeit für Physio, Massage und einen Stadtbummel, um den Kopf zu lüften. Am Freitag starteten wir wieder mit dem Training. Es ging vor allem darum, die Müdigkeit loszuwerden und die Geräte wieder zu spüren. Mit halben und ganzen Übungen war dann der Samstag wieder intensiver. Es galt, den Fokus und das Vertrauen fürs Finale zu finden. Am Sonntagmorgen nur noch ein kleines Warmup im Hotel, nachher ging’s direkt mit dem Bus Richtung Wettkampfhalle.
Wie war die Atmosphäre in der Wettkampfhalle? Hast Du die Schweizer Fans wahrgenommen?
Da die Wettkampfarena sehr kompakt war, kam eine gute Stimmung auf. Ich habe die Schweizer Fans in ihren roten Shirts und mit den grossen Schweizerflaggen auf jeden Fall gesehen. Es waren doch einige Familienmitglieder und turnbegeisterte Freunde nach Zagreb gereist, um uns anzufeuern.
Welche Routinen oder mentalen Techniken helfen Dir, nach einem grossen Erfolg emotional ins Gleichgewicht zu kommen und Energie für die nächsten Trainings zu sammeln?
Ein paar freie Tage zu Hause, weg von Biel, sind auf jeden Fall nötig. Am besten wären Ferien, was nach dieser EM leider nicht möglich war. Kopf abschalten, Familie oder Freunde treffen und nicht ans Turnen denken sind wichtig, um das Gleichgewicht wieder zu finden. Das emotional Schwierigste ist dann aber immer das Zurück in die Trainingshalle, wenn der Alltag die Erfolgsgefühle wieder einholt.
Bringt eine solch historische Medaille neue Verträge mit Sponsoren?
Nein, so einfach ist das nicht. Bis jetzt habe ich ausser Familie und Verband keine persönlichen Sponsoren. Ich bin jetzt aber dran, das Sponsoring aufzubauen und bin offen für Anfragen und eine eventuelle Zusammenarbeit.
Wie finanzierst Du Dein Training?
Fürs Training muss ich nichts bezahlen, da der Verband alles zur Verfügung stellt, also Trainer und Halle. Um meinen Alltag zu finanzieren, habe ich beim Schweizerischen Turnverband eine Anstellung als Athlet mit einem kleinen Lohn. Zusätzlich arbeite ich parallel zum Masterstudium in Elektrotechnik auch als Assistent an der Berner Fachhochschule. So habe ich ein wichtiges zweites Einkommen für meinen Lebensunterhalt.
Wenn Du auf 21 Jahre Turnkarriere zurückblickst: Wie viele Reckleder hast Du in dieser Zeit verbraucht?
Das ist eine sehr gute Frage. In jungen Jahren habe ich die Leder nur so alle zwei Jahre gewechselt. Aber ab 18 Jahren waren es sicher mindestens vier bis fünf neue Paare pro Jahr. Über die 21 Trainingsjahre hinweg habe ich also sicher 50 bis 60 Paar Reckleder verbraucht.
Noch eine letzte Frage: Wo hängt Deine Medaille?
Meine Medaille hängt jetzt bei mir in Biel in der Wohnung und ist zusammen mit der Startnummer eingerahmt. Sie wird mich immer wieder an diese Europameisterschaften und meinen Erfolg zurückerinnern.






