Neues Leben in alter Tuchfabrik: ZHAW eröffnet moderne Forschun …
Wo im späten 19. Jahrhundert noch Stoffe gewoben wurden, herrscht heute akademischer Betrieb. Die ZHAW hat am Freitag, 4. September 2026, ihre aufwändig erneuerten Shedhallen auf dem Campus Reidbach eingeweiht. Für rund 34,5 Millionen Franken erhielten die historischen Hallen nach einer intensiven zweijährigen Bauphase von Juli 2024 bis August 2026 eine neue Zweckbestimmung für Studium und Forschung.
Text: Sabine Itting
Bilder: Anja Kutter
Zahlreiche geladene Gäste folgten der Einladung an die Einsiedlerstrasse. ZHAW-Rektorin Prof. Dr. Regula Jöhl betonte in ihren Begrüssungsworten, dass der Raumgewinn ein klares Signal für die Zukunft des Hochschulstandorts Wädenswil sei. Baudirektor Martin Neukom hob den ökologischen Nutzen hervor. Neben der aufwändigen Erdbebensicherung des Gebäudes, war auch der Erhalt der alten Struktur ein wichtiges Anliegen. Bildungsdirektorin Silvia Steiner zeigte sich erfreut über den Zuwachs an Studierenden. Das Departement Life Sciences und Facility Management bietet damit Platz für rund 1900 Studierende sowie über 600 Mitarbeitende, die hier künftig an praxisnahen Lösungen für drängende Zukunftsfragen arbeiten, wie etwa an der Nahrungsmittelproduktion im Kontext des Klimawandels. Neben Thomas Brassel von der Tuwag und Prof. Dr. Lukas Neutsch von der ZHAW kam auch die Architekturseite zu Wort.
Für Heiterkeit im Publikum sorgte Architektin Lucie Kohout von der Hotz Partner AG SIA, die unter dem Leitgedanken «S Gfäss isch gäh» das gigantische Ausmass der Erneuerung anschaulich verbildlichte. So schlängeln sich verdeckt rund 167 Kilometer Stromkabel durch den Komplex – eine Distanz, die fast einer zweifachen Umrundung des Zürichsees mitsamt Obersee entspricht. Zur Stabilisierung und Erdbebenertüchtigung wurden zudem 10–15 Tonnen Stahl verbaut, was etwa dem Gewicht von zwei bis drei ausgewachsenen afrikanischen Elefanten gleichkommt, ein passender Vergleich für eine Hochschule, die sich unter anderem mit zellbiologischen Themen befasst. Den sympathischsten Lacher erntete sie jedoch mit der Baustellen-Bilanz: Während der gesamten Bauzeit sei lediglich ein einziger Akkuschrauber abhandengekommen, wobei die Diebe in der Hektik nicht einmal das Ladegerät mitgehen liessen.
Baugeschichtlich folgte das Projekt der Devise, die Spuren der Vergangenheit sichtbar zu lassen. Anstatt Makel zu kaschieren, prägen offen belassene Backsteinwände, betagte Stahlstützen, Träger und historische Gebrauchsspuren das Bild. Zweigeschossige Holz-Kuben gliedern den Raum als «Raum-in-Raum»-Einbauten und schaffen Besprechungszimmer sowie Rückzugsorte, ohne das imposante Luftvolumen der Halle zu erdrücken. An diesem Grossprojekt wirkten insgesamt 15 Fachplanungsbüros und 83 Firmen Hand in Hand mit.
Lichtdurchflutete Lernorte und modernste Biotechnologie
Ein Rundgang offenbarte die gelungene Aufteilung der Räumlichkeiten, die neu über Treppenaufgänge und einen Personenlift barrierefrei miteinander verbunden sind. Das Zentrum der oberen Halle bildet eine lichtverwöhnte Bibliothek mit Leseplätzen und Grünoasen, die künftig auch der Bevölkerung offensteht. Sie ist mit nicht raumhohen Trennwänden und Verglasungen zu den angrenzenden Unterrichtsräumen transparent gestaltet. Ein besonderes Augenmerk verdient der Boden: Die extrem robusten Holzparkettböden eines früheren Gewerbebetriebs wurden sorgfältig restauriert und erhalten. Zusammen mit Pflanzarrangements, ruhigen Nischen und langen Arbeitstischen entstand so ein Raum, der ungestörtes Studieren ebenso ermöglicht wie lebendigen Austausch.
Die untere Halle beherbergt modernste Biotechnologie-Laboratorien des Instituts für Chemie und Biotechnologie samt Bioreaktoren, erschlossen über eine klare Korridorstruktur entlang der Fassade. Ergänzend entstanden im nordseitigen Anbau neue Büros. Auch bei der Klimatechnik zieht Nachhaltigkeit ein: Der Umbau erfüllt den Minergie-Standard sowie den Standard Nachhaltiges Bauen. Zudem heizt die überschüssige Wärme des Nachbarbaus «Future of Food» die Shedhallen künftig energiesparend vor. Nach dem Rundgang bot ein Apéro den Gästen reichlich Gelegenheit für vertiefte Gespräche.
Industriegeschichte neu gedacht
Die Geburtsstunde der Shedhallen schlug 1890 mit der ersten Hallenkonstruktion der Tuchfabrik Wädenswil aus Sichtbackstein seeseitig der Einsiedlerstrasse. 1906 folgte der südliche Erweiterungsbau. Typisch für die Bauweise jener Epoche sind die im rechten Winkel zueinander ausgerichteten Giebeldächer mit je sechs Sägemarken. Diese Sheddach-Konstruktion war damals eine bahnbrechende Entwicklung im Fabrikbau, um das natürliche Tageslicht optimal und blendfrei in die Arbeitshallen zu lenken.
Nach der Einstellung der Weberei im Jahr 1978 verwandelte sich das Areal Schritt für Schritt in ein lebendiges Quartier für Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe. Die ZHAW nutzt den Campus Reidbach bereits seit über 16 Jahren; die nun sanierten, denkmalgeschützten Bauten decken dringend benötigte Flächen kapazitiv ab und reduzieren den ungedeckten Raumbedarf der Hochschule. Der gelungene Kontrast zwischen historischem Bestand und moderner Nutzung macht den einzigartigen Charakter des Gebäudes, welches den Namen Haus Tadeus Reichstein trägt.
Wer war Tadeus Reichstein?
Nobelpreisträger und Chemiker Tadeus Reichstein (1897–1996) schrieb Wissenschaftsgeschichte: 1933 gelang ihm der Durchbruch bei der synthetischen Herstellung von Vitamin C mittels eines technisch-chemischen und mikrobiologischen Verfahrens, was die industrielle Massenproduktion überhaupt erst möglich machte. Später widmete er sich den Hormonen der Nebennierenrinde und ebnete den Weg für die medizinische Nutzung von Cortison, wofür er 1950 den Nobelpreis erhielt. Seine Forschungen zu Kaffeearomen, Herzglykosiden und verschiedenen Pflanzenstoffen zeugen von der aussergewöhnlichen Breite seines wissenschaftlichen Wirkens und machen den Schweizer Pionier zum passenden Namenspatron für die neue Forschungsstätte.
Mit der Einweihung des Hauses Tadeus Reichstein wird seine Verbindung zur Wädenswiler Forschungslandschaft nun auch im Namen sichtbar. Wo einst Textilgeschichte geschrieben wurde, wird heute an den Forschungsfragen von morgen gearbeitet. Das Areal ist damit ein Ort, an dem Geschichte und zukunftsorientierte Forschung aufeinandertreffen.






