EINEN WEG BEGONNEN, EINEN ANDEREN BEENDET
Reto Marti hat eine Lehre zu Ende gemacht, von der er längst wusste, dass sie nicht seine war. Mara Rohner hat weimal eine Lehre abgebrochen, bevor sie diesen Sommer ihren Abschluss als Coiffeuse in den Händen hielt. Heute sagen beide: Der Neuanfang war richtig. Möglich gemacht haben ihn zwei Wädenswiler Betriebe.
Text und Bilder Anja Kutter
Der Schönenberger Reto Marti ist heute 26 Jahre alt und steht kurz vor dem Abschluss zum Polier. Begonnen hat sein Berufsleben aber in einer ganz anderen Branche: als Fachmann Betreuung in einer Kita.
Drei Jahre lang hat diese Ausbildung gedauert. Doch schon relativ früh realisierte er, dass das nicht sein Weg ist. «Ich habe die Lehre trotzdem fertig gemacht, damit ich den Abschluss habe.»
Gefehlt habe ihm in der Kita, dass er am Abend nicht gesehen habe, was er den ganzen Tag gemacht habe, sagt er. «Auf dem Bau ist das anders.»
Der Wechsel ins Handwerk ging unkompliziert: ein Telefon, ein Schnuppern, und er konnte bei der Füchslin Baugeschäft AG die verkürzte Maurerlehre beginnen, die er 2020 abschloss. Acht Jahre ist er nun im Betrieb – und steigt Schritt für Schritt die Karriereleiter hoch. Nutzlos war die erste Lehre für ihn dennoch nicht: «Die Berufsmaturität hatte ich danach zum Beispiel im Sack, sie half mir bei meinen Weiterbildungen.»
Zweimal Lehre abgebrochen
Die Wädenswilerin Mara Rohner hat den umgekehrten Weg gewählt. Sie hat nicht durchgehalten, sondern zweimal eine Lehre abgebrochen.
Diesen Sommer hat Mara Rohner ihre Lehre als Coiffeuse EFZ abgeschlossen. Und wenn die 24-jährige Wädenswilerin von ihrem Beruf erzählt, klingt es, als hätte sie nie etwas anderes gewollt. Dabei war es ihr dritter Anlauf auf eine Berufslehre.
Begonnen hatte sie als Fachfrau Gesundheit in einem Altersheim in Horgen. Der soziale Teil der Arbeit gefiel ihr. Nach drei Semestern wurde der Lehrvertrag aber in gegenseitigem Einverständnis aufgelöst. Sie schob es damals auf die Umstände, im Lehrbetrieb gab es einige Probleme. Dass auch der Beruf nicht der richtige war, wurde ihr erst später bewusst.
Es folgten das RAV, ein Praktikum und ein zweiter Anlauf: eine Lehre in einer psychiatrischen Klinik in Zürich. Ein Jahr hielt sie durch, dann war auch dort Schluss. Sie fehlte immer öfter, war ständig krank, und irgendwann war ihr klar, dass beides zusammenhing. «Mein Körper hat reagiert, weil es mir in dieser Lehre psychisch schlecht ging», sagt sie. Den Entscheid, aufzuhören, fällte sie gemeinsam mit dem Betrieb.

Beim Haareschneiden kam die Wende
Was danach kam, war Zufall. Ein Gutschein brachte Mara Rohner zum Haareschneiden zu Intercoiffure Les Artistes an der Oberdorfstrasse. «Es war so schön, dort zu sein», erinnert sie sich. Sie habe sich aufgehoben und verstanden gefühlt, die Atmosphäre und der Umgang im Team hätten sie begeistert. Da merkte sie: Dieser Beruf vereint alles, was sie sucht: das Handwerkliche, das Kreative und das Soziale, das ihr schon in der Pflege gefallen hatte.
Sie schnupperte und bekam tatsächlich den Lehrvertrag. Ein Abbruch war von da an nie mehr ein Thema. «Ich wusste, ich bin am richtigen Ort und mache das Richtige.» In diesem Beruf könne sie Menschen glücklich machen und ihr Selbstwertgefühl mit einem passenden Look steigern.
«Heute würde ich sagen, dass die beiden Abbrüche richtig waren, auch wenn sie mit viel Unangenehmem einhergingen», sagt Mara Rohner. Am dankbarsten ist sie, dass sich ihr Lehrbetrieb nicht von ihrer Vorgeschichte hat abschrecken lassen. «Uns hat nicht interessiert, was vorher war», sagt Karin Gavric, Mitinhaberin und Ausbildungsverantwortliche von Intercoiffure Les Artistes. «Wir haben gesehen, wie Mara während des Schnupperns dabei war: motiviert, herzlich, mit einer Einstellung, die ins Team passte. Da war uns der Lebenslauf egal.»
Wann ein Schnitt der bessere Weg ist
Marcel Schuler, Geschäftsführer der Füchslin Baugeschäft AG und damit Chef von Reto Marti, kennt die Seite der Lehrbetriebe: «Lehrabbrüche sind natürlich nie eine schöne Sache. Manchmal geht es aber nicht anders.» Die Schulnoten seien fast nie die Ursache. «Eine schlechte Prüfung lässt sich wiederholen. Was nicht geht, ist alles andere: das Zuspätkommen, das Nichteinhalten von Regeln, das Auftreten im Betrieb und in der Schule.» Sei das der Fall, sei ein klarer Schnitt oft besser als ein langes Durchschleppen.
Dass Mara Rohner keine Ausnahme ist, zeigt die Statistik. Rund ein Viertel aller Lehrverträge in der Schweiz wird vorzeitig aufgelöst, zwei Drittel davon bereits im ersten Lehrjahr. Vier von fünf Betroffenen kehren später in eine Ausbildung zurück.

«Ein Lehrabbruch ist nie gut»
Alex Weingart führt das Regionale Ausbildungszentrum Au (RAU) und sieht solche Verläufe immer wieder. «Jede und jeder hat eine zweite Chance verdient», sagt er. Dass ein Abbruch deswegen unproblematisch sei, findet er aber nicht: «Ein Lehrabbruch ist nie gut.» Besser sei es, schon in der Schulzeit alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Zum Beispiel die Angebote der Oberstufe, eine professionelle Berufsberatung am BIZ Horgen und verschiedene Schnupperlehren. «Das sollten die Jugendlichen unbedingt nutzen.»
Kommt es dennoch zum Abbruch, rät er, ihn als Chance zu nutzen: «Ich empfehle, nochmals eine Standortbestimmung durchzuführen, wenn möglich mit externer Unterstützung, und sich danach für den passenden Weg zu entscheiden.»

Wann der neue Anlauf gelingt
Ob dieser gelingt, hängt für ihn vor allem von der Unterstützung der Familie und des Betriebs ab. «Grundsätzlich starten alle mit einer positiven Motivation in den Neubeginn», sagt Weingart. Stimmt das Umfeld, stünden die Chancen auf einen Abschluss gut.
Im RAU werden regelmässig Lernende betreut, die über 20 Jahre alt sind. Das Zentrum versteht sich dabei auch als Coach. Vertrauen geben und positiv begleiten seien zentral. Entscheidend ist für Weingart aber noch etwas anderes: der Umgang mit dem Druck. Wer einen zweiten Anlauf nimmt, sollte nicht das Gefühl bekommen, jetzt unbedingt sofort erfolgreich sein zu müssen. «Eine unserer Aufgaben ist es, den Lernenden den Mut zu geben, es durchzuziehen. So kommt das Gefühl des Scheiterns gar nicht erst auf.»
Bei Mara Rohner, die nun eine Stelle als Coiffeuse sucht, und bei Reto Marti, der im Januar die Polierprüfung ablegt, hat genau das funktioniert.






