Stefan Hug: «Verantwortung übernehmen, ohne sich zu verstecken»
Im Zentrum des FC Thalwil steht mit Stefan Hug ein Präsident, der den Verein in den vergangenen Jahren wesentlich mitgeprägt hat.Als Präsident trägt er die Verantwortung für einen Club, der weit mehr ist als nur Fussball – ein Ort, an dem sich Generationen begegnen, an dem Werte vermittelt werden und an dem die erste Mannschaft und alle aktiven Teams, die Junioren sowie die gesamte Frauenfussballbewegung Woche für Woche auf und neben dem Platz aktiv sind.In seiner Funktion ist Stefan Hug nah am Geschehen und im regelmässigen Austausch mit Spielern, Trainern, Mitgliedern und Partnern des Vereins.Unter seiner Führung hat sich der FC Thalwil in verschiedenen Bereichen weiterentwickelt. Themen wie Nachhaltigkeit, Nachwuchsarbeit, Frauenfussball und die Stärkung des Vereinslebens stehen dabei im Mittelpunkt.
Im folgenden Gespräch gibt Stefan Hug Einblick in seine Sicht auf den Verein, aktuelle Herausforderungen sowie die zukünftige Entwicklung des FC Thalwil.
💬 Das Gespräch
🔹 Zur Person
1 Stefan, was hat dich vor drei Jahren motiviert, das Präsidium des FC Thalwil zu übernehmen?
Ich hatte nach meinem Engagement beim FC Horgen eine 3-jährige Pause und hatte einfach Lust, wieder etwas im Fussball zu machen. Es gab während diesen 3 Jahren sehr viele Anfragen, aber nichts hat mich wirklich gereizt, bis ich von Freunden beim FC Thalwil angefragt wurde, ob ich nicht helfen und das Amt als Präsidenten übernehmen könnte. Es war ein sehr spontaner Entscheid. Ich hatte schon davor mit dem einen oder anderen Gedanken gespielt, in Thalwil einzusteigen, aber es hatte vorher nicht gepasst.
2 Als was für eine Art von Führungspersönlichkeit würdest du dich selbst beschreiben?
Es ist wichtig, dass man seine Entscheide gut erklären kann. Es ist mir ein Anliegen, alle wichtigen Entscheide im Gremium zu beschliessen, es sollen schliesslich alle dahinter stehen können. Am Ende entscheidet die Mehrheit wie in jeder Demokratie. Bei einem Verein ist es umso wichtiger, dass man zusammen etwas erreicht, da alle freiwillig dabei sind. Das Geschäftsleben ist da natürlich etwas anders. Ich würde sagen, ich bin mit allen sehr anständig und respektvoll, aber das heisst nicht, dass ich deswegen nicht genau weiss, wohin die Reise gehen soll und das am Ende auch so durchsetzen werde.
3 Was war bisher der schwierigste Moment in deiner Amtszeit?
Die ersten 18 Monate waren schon sehr schwierig. Wir hatten einige Themen, die mich etwas überrascht haben, vor allem finanzieller Natur. Ich glaube, es ist vielen nicht bewusst, wie eng alles war, aber wir haben als Vorstand extrem gut zusammen gearbeitet und wir stehen heute an einem ganz anderen Punkt. Die Trennung von Artur Petrosjan als Trainer unserer 1. Mannschaft hat mich mehrere Wochen schwer belastet. Ein durch und durch toller Mensch und Fachmann, aber es war der richtige Entscheid für den Verein.
4 Und welcher Moment hat dich am meisten stolz gemacht?
Die Abstimmung an der Gemeindeversammlung im Herbst 2024, hat mich wirklich mit Stolz erfüllt. Die Annahme des Kunstrasens auf dem Brand 2 und dies dazu noch einstimmig, ist für eine Gemeindeversammlung sicher eher selten. Da habe ich gewusst, dass es gut kommen wird. Nicht nur können wir viele Kinder von der Warteliste nehmen, denn der Kunstrasen gibt uns Planungs-Sicherheit, sondern damit verbunden ist auch die bessere Auslastung für unser Clubhaus.
5 Was bedeutet es für dich persönlich, Präsident des FC Thalwil zu sein?
Präsident des FC Thalwil zu sein, hat für mich nichts mit Stolz zu tun. Es ist also kein Ego-Trip von mir. Es macht mir einfach sehr viel Spass, mit allen im Verein etwas zu bewegen und vor allem, etwas zurück zu geben. Fussball hat mir mein ganzes Leben sehr viel gegeben und es war an der Zeit, sich erkenntlich zu zeigen. Daher mein Engagement in Thalwil.
🔹 Die Situation des Vereins
6 Wie war die finanzielle und strukturelle Situation des Vereins, als du dein Amt angetreten hast?
Wie gesagt, es war finanziell nicht ganz einfach. Manchmal hatte ich das Gefühl, eine Baustelle zu lösen und sofort war die nächste da. Die Rechnungen haben sich gestapelt, aber durch die Hilfe von allen und vor allem im Sponsoring-Bereich, haben wir heute zum Glück alle Baustellen gelöst und es sollte nichts Unerwartetes mehr passieren. Das Thema Clubhaus müssen wir nachhaltig noch lösen, dazu noch die Tribüne und allenfalls noch 2 zusätzliche Kabinen auf dem Brand 2. Das wäre dann schon sehr gut. Ich freue mich jetzt zuerst auf die Rückrunde, unseren neuen Brand 2 und auf die Planung des Kunstrasen-Ersatzes auf dem Brand 3 im 2027.
7 Welche entscheidenden Schritte waren notwendig, um den Verein finanziell wieder auf eine gesunde Basis zu stellen?
Wir haben alles durchleuchtet. Es gibt ja bekanntlich immer 3 Wege, solche Themen anzugehen. Entweder nur noch zu sparen, nur noch mehr Geld reinholen oder beides zusammen. Wir haben uns für «beides zusammen» entschieden. Unnötiges wurde gestrichen und das Sponsoring wurde extrem aufgestockt. Ich war immer der Meinung, dass ein Breitensportverein wie der FC Thalwil nicht nur die 1. Mannschaft ist, sondern es genau so wichtig ist, eine sehr gute Junioren-Abteilung oder eine tolle Mädchen/Frauen-Sektion zu haben. Die 2. Und 3. Mannschaft wurden auch eher vernachlässigt. Ich glaube, heute kann sich niemand mehr beklagen und alle bekommen faire Bedingungen, sei es auf den Plätzen, sei es beim Material oder der finanziellen Unterstützung. Am meisten zu schaffen hat uns sicher die eher schlechte Juniorenabteilung gemacht. Viel zu wenig Junioren, woran wir aktuell besonders zu knabbern haben, weil wir dringend Nachwuchs vor allem in der 2. Mannschaft benötigen, aber es kommt nicht viel nach. Deshalb haben wir so viele neue Kinder vor allem im E und D-Bereich aufgenommen und wir werden diese Themen in 3 bis 4 Jahren nicht mehr haben (dafür vielleicht andere Themen).
8 Wie wichtig war es, das Vertrauen von Sponsoren und Partnern neu aufzubauen?
Der Verein hatte jetzt sicher nicht den besten Ruf in der Umgebung und es hat etwas gedauert, bis wir die Firmen wieder überzeugen konnten, bei uns einzusteigen. Einige haben wir für immer verloren, da ist zu viel passiert, aber viele haben uns diese 2. Chance gegeben und wir glauben, dass wir diese Chance genutzt haben. Es gab auch viele neue Firmen, die sich in Thalwil angesiedelt haben und nicht Zürich-lastig sind und gerne bei uns mitmachen. So gesehen war es vor allem am Anfang wichtig, dass wir keine negative Presse haben. Einige Themen unter dem Deckel zu halten, hat uns ein bisschen etwas gekostet und einige private Sponsoren haben hier sehr geholfen, dies ruhig und leise zu erledigen.
9 Was bedeutet für dich der neue Kunstrasenplatz der neuesten Generation, der im vergangenen Herbst eingeweiht wurde?
Der neue Kunstrasen steht irgendwie auch für diesen Verein. Es soll etwas Neues entstehen, am Ende auch egal, in welcher Liga. Dieser neue Brand 2 wird uns sportlich extrem helfen, da wir praktisch mit vielen Mannschaften 12 Monate durchtrainieren können und mit dem neuen Brand 3 ab 2027, werden wir 2 Top-Plätze haben. Beides wird dem Clubhaus helfen, in irgendeiner Form zu überleben. Leider fehlen uns auf dem Brand 2 noch 2 bis 4 Kabinen, aber es muss auch so irgendwie gehen. Ich glaube, unsere Infrastruktur gehört zum Besten, das es in unserer Region gibt. Wir haben auch das Glück, dass wir mit der Gemeinde ein sehr gutes Miteinander pflegen und da sind manchmal Dinge möglich, die vor ein paar Jahren noch unmöglich erschienen.
10 Wie wichtig ist es heute sagen zu können, dass der FC Thalwil ein solider und respektierter Verein in der Region ist?
Für mich ist es das wichtigste Merkmal eines Vereins. Wir wissen, was wir können, aber vor allem wissen wir auch, was wir nicht können. Wir möchten für Verlässlichkeit stehen, auch wenn nicht immer alles klappt, wie es sollte. Die Arbeit wird uns nicht ausgehen.
🔹 Erste Mannschaft und sportliche Philosophie
11 Die erste Mannschaft kämpft ohne grosse Investitionen in den oberen Tabellenregionen mit. Ist das eure Philosophie?
Ich weiss nicht, ob dies unsere Philosophie ist. Es hat in der Vorrunde alles gepasst, deshalb stehen wir da, wo wir aktuell sind. Aber wir wissen auch, dass dies nur eine Moment-Aufnahme ist und sich das immer wieder ändern kann. Wir bilden uns nichts darauf ein, wie wir auch nicht nervös werden, wenn es mal nicht rund läuft. Ich bin schon zu lange dabei, als dass mich hier etwas nervös machen könnte.
12 Wie wichtig ist für dich das Gleichgewicht zwischen sportlichem Ehrgeiz und finanzieller Nachhaltigkeit?
Das eine ohne das andere geht nicht, auf jeden Fall nicht, solange ich Präsident bin. Wir investieren nur so viel, wie wir haben. Idealerweise 2 – 3 Franken weniger, damit wir etwas Reserve für schlechtere Zeiten haben. Ins finanzielle Risiko gehen wir nicht. Ich glaube, wir sollten aus der Vergangenheit gelernt haben. Ich werde den Verein ganz sicher finanziell anders übergeben, als ich ihn übernommen habe, egal in welcher Liga das sein wird.
13 Welche Rolle soll die erste Mannschaft innerhalb der gesamten FC-Thalwil-Bewegung einnehmen?
Die 1. Mannschaft ist das Aushänge-Schild des Vereins, aber sie steht nicht alleine da. Ich komme von den Junioren und der Damenabteilung des FC Horgen und diese Themen stehen mir genau so nahe. Zu den Senioren und Veteranen habe ich einen eher distanzierteren Kontakt, da sie als Verein im Verein praktisch ihr Eigenleben haben. Ich persönlich finde das schade, aber ich kann und will das auch nicht ändern. Es ist in Ordnung, wie es ist.
🔹 Nachwuchs und Frauenfussball
14 Welche Rolle spielen die Junioren:innen im strategischen Projekt des Vereins?
Wir haben als Breitensportverein eine soziale Verpflichtung gegenüber den Mitgliedern und der Gemeinde. Junioren und Juniorinnen sind mir sehr, sehr wichtig. Es geht nicht nur um Siege, sondern auch um Ausbildung und Lebensschule. Es soll bei uns Platz für Ehrgeiz und Talente geben, aber nicht alle sind Talente und nicht alle wollen nur gewinnen. Wie gesagt, es muss Platz für beides geben.
15 Wie beurteilst du die Entwicklung des Frauenfussballs in unserem Verein?
Der Mädchen bzw. Frauenfussball ist sehr stark im Kommen. Ich hätte sehr gerne höhere Ambitionen als 3. Liga, aber für das bräuchte es zusätzliches kompetentes und motiviertes Personal. Stand heute, ist diese Abteilung das einzige, was in meinen fast 4 Jahren als Präsident immer geklappt hat und nie Probleme produziert hat. Im Moment haben wir jedoch die eine oder andere Baustelle in dieser Abteilung, die wir spätestens im Sommer gelöst haben werden.
16 Wie wichtig sind externe Kooperationen, wie zum Beispiel jene mit dem FC Zürich, für die Entwicklung unserer jungen Talente?
Der FCZ bringt uns gar nichts. Unsere Junioren werden von ihnen abgezogen (was für mich OK ist) und die allerwenigsten kommen je zurück. Es sind oft die Eltern, die durch ihre Kinder etwas leben wollen, was ihnen selber verwehrt war. Das ist ein gesellschaftliches Thema, das kann ich nicht lösen, aber es ist nun halt so. Der FCZ mit seinen Junioren ist gern gesehener Gast auf unserer Lage, aber dies hat auch sehr stark mit finanziellen Aspekten zu tun und auch mit der Auslasten unserer Clubhauses. Es stimmt für beide Seiten, für den FCZ wie auch für uns, win/win also.
17 Wie begleitet der FC Thalwil junge Spielerinnen und Spieler auf ihrem Entwicklungsweg – sowohl auf als auch neben dem Platz?
Dies ist eine sehr schwierige Frage. Wir wollen den Kindern einfach unsere Werte vermitteln und wir helfen, wo wir können. Kein Kind wird bei uns z.B. nicht spielen dürfen/können, weil es zu Hause vielleicht finanziell etwas eng ist. Wir sind da auch im Austausch mit der Gemeinde oder anderen Stellen, die bei Problemen involviert sind. Ich bleibe dabei, Erziehung und Benehmen muss ein Kind zu Hause lernen und sollte von den Eltern nicht an die Schule oder die Vereine weiterdelegiert werden. Anders ausgedrückt, unseren Möglichkeiten sind Grenzen gesetzt.
🔹 Vision und Zukunft
18 Welche aktuellen Projekte kannst du bereits ankündigen?
Wie bereits erwähnt, steht im Moment der Umbau Brand 3 auf unserer to-do-Liste. Wenn alles gut läuft, von dem wir mal ausgehen, werden wir im Sommer 2027 eine Anlage haben, für die uns viele beneiden werden. Was wir daraus machen, wird dann ganz an uns alleine liegen.
19 Wo siehst du den FC Thalwil in fünf Jahren?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich schaue nur von Jahr zu Jahr, aber idealerweise werden wir dann schuldenfrei dastehen. Sollten wir auch in 5 Jahren sportlich noch genau dort stehen, wo wir jetzt sind, würde ich sofort unterschreiben. Vielleicht unser Damen 1 in der 2. Liga, das wäre eine ganz schöne Geschichte.
20 Was ist dein grösster sportlicher Traum für diesen Verein?
Ein Aufstieg unserer 1. Mannschaft wäre schon ganz cool, einfach, um es noch einmal zu erleben, in der 1. Liga zu spielen, auch wenn es mit unserer finanziellen Möglichkeiten dann eher eine etwas kürzere Geschichte werden könnte. Aber ein Versuch wäre es schon wert. Unsere 2. Mannschaft in der 2. Liga regional zu sehen, wäre auch etwas, an das ich mich gewöhnen könnte.
21 Welche Botschaft möchtest du vor dem Start der Rückrunde an Mitglieder, Freiwillige, Sponsoren und Fans richten?
Ich glaube, es wird bis zum Schluss eng bleiben und wenn wir weiterhin einen Lauf haben, könnte es am Ende tatsächlich reichen. Wir werden alles dafür tun, dass es am Ende klappen wird mit dem Aufstieg, aber wenn nicht, geht die Welt auch nicht unter. Manchmal ist ein Traum schöner als die Realität.
22 Welche Rolle spielen wichtige Unterstützerkreise wie der Club 75, die Alt-Veteranen und die Donatoren innerhalb des FC Thalwil und wie wichtig sind sie für das Vereinsleben?
Ohne diese Unterstützung geht bei uns im Verein fast gar nichts und ich rede nicht nur vom finanziellen Aspekt. Es geht hier auch um die moralische Unterstützung, die guten Ratschläge, die Unterstützung bei Problemen oder das Vereinsleben im Allgemeinen. Diesbezüglich sind unsere Alt-Veteranen ein lebendes Beispiel dafür, was ein toller Verein wie den FC Thalwil ausmacht.
🌟 Schlusswort
Es gibt Menschen im Fussball, die kommen und gehen. Und es gibt jene, die etwas hinterlassen. Stefan Hug gehört zu Letzteren.Nicht, weil er laut ist. Nicht, weil er sich in den Vordergrund stellt. Sondern weil er führt – mit Klarheit, mit Verantwortung und mit einer Ehrlichkeit, die man nicht spielen kann.Er hat den FC Thalwil nicht nur stabilisiert. Er hat ihm wieder Richtung gegeben. Vertrauen. Zukunft.Und vielleicht ist genau das seine grösste Stärke: Dass er nie vergessen hat, worum es im Kern geht.
Nicht um ihn. Sondern um den Verein. Um die Menschen. Um das, was bleibt.
Antonio Di Cerbo






