EINE BIBLIOTHEK FÜR ALLE IN DER ALTEN TUCHFABRIK
Nach zwei Jahren Bauzeit hat die ZHAW Anfang September die sanierten Shedhallen auf dem Tuwag-Areal bezogen. 34,5 Millionen Franken flossen in den Umbau der denkmalgeschützten Hallen. Das auffälligste Ergebnis steht allen offen: eine lichtdurchflutete Bibliothek unter den alten Sheddächern.
Anja Kutter
Es war ein Freitagmorgen mit Prominenz. Rund 80 geladene Gäste kamen an die Einsiedlerstrasse, darunter die Regierungsräte Silvia Steiner und Martin Neukom. Der Anlass: Die beiden Shedhallen auf dem Tuwag-Areal sind fertig und gehen an die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften über.
Für Wädenswil bedeutet das zweierlei. Zum einen bleibt ein Stück Stadtgeschichte stehen: Die Hallen von 1890 und 1906 gehören zu den letzten Zeugnissen der Textilindustrie am Zürichsee und sind denkmalgeschützt. Zum anderen wird ein Teil davon öffentlich. Die neue Bibliothek in der oberen Halle steht künftig auch der Bevölkerung offen. Es ist ein Ort zum Lesen und Verweilen, dort, wo bis 1978 Webmaschinen ratterten.
«Hätten wir das Gebäude abgerissen und neu erstellt, hätten wir es einfacher gehabt», sagte Baudirektor Martin Neukom in seiner Rede. «Dabei wäre allerdings viel Charme, historische Kultur und graue Energie verloren gegangen.»

Labors unten, Bibliothek oben
Die untere Shedhalle von 1890 beherbergt die Biotechnologie-Labors des Instituts für Chemie und Biotechnologie samt Bioreaktoren. Im nordseitigen Anbau sind Büros entstanden.
Die obere Halle von 1906 ist der Ort, an dem sich Wädenswilerinnen und Wädenswiler künftig aufhalten können: Ihr Zentrum bildet die offene Bibliothek mit Leseplätzen und Grünbereichen. Drei zweigeschossige Holzkuben gliedern den Raum als Einbauten und schaffen Besprechungszimmer, ohne das Luftvolumen der Halle zu erdrücken. Auf ihren Dächern liegen weitere Lernbereiche. Treppenaufgänge und ein Personenlift verbinden die beiden Hallen neu barrierefrei miteinander.
Sichtbar geblieben ist dabei, was die Hallen ausmacht: offene Backsteinwände, betagte Stahlstützen, Träger mit Gebrauchsspuren. Selbst die robusten Holzparkettböden eines früheren Gewerbebetriebs wurden restauriert und erhalten.

83 Firmen, 167 Kilometer Kabel
Der Umbau war ein Grossprojekt für die Baubranche der Region. 15 Fachplanungsbüros und 83 Firmen wirkten mit. Verlegt wurden rund 167 Kilometer Stromkabel – fast die doppelte Umrundung des Zürichsees samt Obersee. Für Stabilisierung und Erdbebenertüchtigung kamen 10 bis 15 Tonnen Stahl ins Gebäude.
Architektin Lucie Kohout vom Büro Hotz Partner AG SIA fasste den Umgang mit dem Bestand unter dem Leitgedanken «S Gfäss isch gäh» zusammen – das Gefäss ist vorgegeben. Die Bilanz der Baustelle fiel bemerkenswert aus: Über die gesamte Bauzeit wurde nur ein einziger Akkuschrauber gestohlen. Das Ladegerät hat der Dieb liegen gelassen.
Dass der Umbau fristgerecht zum Semesterbeginn und weitgehend im Kostenrahmen abgeschlossen wurde, ist bei einem Projekt dieser Komplexität keine Selbstverständlichkeit. Bei den Abnahmen wurden praktisch keine Mängel festgestellt.
Energie vom Nachbargebäude
Der Umbau erfüllt den Minergie-Standard und den Standard Nachhaltiges Bauen. Geheizt wird über den Wärmeverbund mit regionalen Holzschnitzeln, der seit 2017 alle Bauten auf dem Areal versorgt. Dazu kommt überschüssige Wärme aus dem benachbarten Laborgebäude «Future of Food», die die Shedhallen künftig vortemperiert. Auf den Dachflächen wird Solarstrom produziert. Das Tuwag-Areal ist seit 2021 als 2000-Watt-Areal in Transformation zertifiziert, als erstes gemischt genutztes Areal der Schweiz.

Ein Areal, zwei Welten
Was das Tuwag-Areal von einem reinen Hochschulcampus unterscheidet, bleibt auch nach dem Umbau bestehen: Auf rund 26 000 Quadratmetern teilen sich Hochschule, Jungunternehmen und Wädenswiler Gewerbe denselben Ort. Das Startup-Center «grow cluster», 2001 von ZHAW, Stadt Wädenswil und Tuwag gegründet, vermittelt seit über zwanzig Jahren Flächen an junge Firmen.
Für Tuwag-CEO Thomas Brassel ist die Einweihung deshalb kein Schlusspunkt. «Ich bin überzeugt, dass die gute Partnerschaft zwischen dem Kanton Zürich und der Tuwag Immobilien AG weiter gestärkt werden konnte», sagte er an der Feier. «Das ist umso besser, weil wir auch in Zukunft das eine oder andere Projekt zusammen durchziehen werden.»
ZHAW-Rektorin Regula Jöhl nannte den Bezug denn auch mehr als einen Flächengewinn: «Es ist auch ein Bekenntnis zum Bildungs-, Forschungs- und Innovationsstandort Wädenswil.»






