«Das Bezirksratsamt passte zu mir wie ein Massanzug»
Ein Amt mit grosser Verantwortung, viel Arbeit und wenig Öffentlichkeit: Nach mehr als 13 Jahren verabschiedet sich die Richterswilerin Sandra Bizzarri aus dem Bezirksrat Horgen und blickt auf ihre bewegte Amtszeit zurück.
Nach mehr als drei Amtsperioden als Bezirksrätin ist für Sandra Bizzarri der Zeitpunkt gekommen, aufzuhören. Ihr Rücktritt ist wohlüberlegt: Bald wird sie 60, beruflich warten neue Herausforderungen, und auch privat möchte sie Vorhaben verwirklichen. «Der Zeitpunkt fühlt sich für mich richtig an», sagt sie. Bis die Nachfolge geregelt ist, bleibt sie im Amt. Die Ersatzwahl findet am 27. September 2026 statt, die Amtsübergabe könnte bereits Anfang Oktober erfolgen.
Auf ihre lange Amtszeit blickt Bizzarri mit Dankbarkeit und Stolz zurück. Der Bezirksrat Horgen ist eine kleine Behörde mit grosser Verantwortung. Als Aufsichts- und Rechtsmittelinstanz kontrolliert er Gemeinden und Institutionen und beurteilt Rekurse. Die Arbeit ist entsprechend vielfältig – und arbeitsintensiv.
Rund 135 Fälle bearbeitet der Bezirksrat durchschnittlich pro Jahr. Gleichzeitig gehen etwa gleich viele neue Verfahren ein. Hinzu kommen Aufsichtsbesuche, Berichte, Beratungen und weitere aufsichtsrechtliche Aufgaben. Bizzarri beobachtet, dass heute häufiger Rechtsmittel ergriffen werden, etwa gegen Schulhaus- und Klassenzuteilungen, oder gegen Entscheide der KESB. Auch Anträge auf vorsorgliche Massnahmen und aufschiebende Wirkung haben zugenommen.
Eine mögliche Erklärung sieht sie darin, dass die Menschen heute besser über ihre Rechte informiert sind und häufiger professionelle Rechtsberatung nutzen. Die Hemmschwelle, einen behördlichen Entscheid anzufechten, sei dadurch gesunken. Gleichzeitig betont sie die Bedeutung eines Rechtssystems, das grundsätzlich allen offensteht. Auch Menschen mit wenig finanziellen Mitteln können unter bestimmten Voraussetzungen einen unentgeltlichen Rechtsbeistand erhalten.
Ein Amt, das viel verlangt
Das Bezirksratsmandat ist ein Milizamt – und damit weit mehr als ein gelegentlicher Einsatz. Bizzarri musste ihre berufliche Tätigkeit auf 80 Prozent reduzieren. Ein ganzer Arbeitstag pro Woche war für den Bezirksrat reserviert, dazu kamen Abende und Wochenenden. Berichte schreiben, Aufsichtsbesuche vorbereiten oder Visitationen auswerten gehörte für sie zum Alltag.
Trotzdem spricht die Richterswilerin mit Begeisterung über ihre Tätigkeit. Das Amt sei ihr persönlicher Beitrag für die Gemeinschaft und den Bezirk gewesen. Gerade darin sieht sie eine Stärke des Schweizer Milizsystems: Es lebt von Menschen, die bereit sind, neben Beruf und Privatleben zusätzliche Verantwortung zu übernehmen.
Unterstützt wird der dreiköpfige Bezirksrat durch juristisches und administratives Personal der Kanzlei. Die Mitglieder entscheiden als Kollegialbehörde gemeinsam. Dass die Entscheide des Bezirksrats vergleichsweise selten an die nächsthöhere Instanz weitergezogen werden, wertet Bizzarri als Zeichen für die Qualität der geleisteten Arbeit.
Von der Verwaltung in den Bezirksrat
Für ihr Amt brachte Bizzarri ideale Voraussetzungen mit. Nach einer kaufmännischen Lehre in einer Aargauer Gemeindeverwaltung arbeitete sie mehrere Jahre auf einem Zivilstandsamt, bevor sie in die Privatwirtschaft wechselte. Sie beschäftigte sich früh mit Verwaltungsrecht und verfügt über einen Executive Master of Business Administration der Fachhochschule St. Gallen. Eine klassische politische Karriere hatte sie hingegen nicht. Sie bezeichnet sich rückblickend selbst als «Nobody», als sie für das Amt kandidierte. Unterstützung erhielt sie dennoch von der Interparlamentarischen Konferenz des Bezirks Horgen. Als Seconda mit italienischen Wurzeln und mit ihrem beruflichen Hintergrund erhielt sie die Chance, Bezirksrätin zu werden. Heute sagt sie: Das Amt habe zu ihr und ihren Fähigkeiten «wie ein Massanzug» gepasst.
Ihre Parteizugehörigkeit zur GLP spielt bei ihrer Arbeit im Bezirksrat keine Rolle. Der Bezirksrat sei keine politische Behörde, sondern eine Rechtsmittel- und Aufsichtsinstanz. Entscheidend sei deshalb einzig das geltende Recht. «Das Gesetz hat stets Vorrang», lautet ihr Grundsatz.
Sicherheit als oberstes Gebot
Eine besondere Aufgabe übernahm Bizzarri als Heimreferentin. Sie war für Invalideninstitutionen, Alters- und Pflegeheime sowie Spitex-Organisationen im oberen Bezirksteil zuständig. Bei ihren regelmässigen Besuchen kontrollierte sie die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben.
Besonders wichtig war ihr dabei die Sicherheit. Sie achtete auf Medikamentenprozesse, Datenschutz, Hygiene und eine sichere Infrastruktur. Dem Brandschutz schenkte sie von Beginn an besondere Aufmerksamkeit. Aber auch andere, scheinbar kleine bauliche Mängel, können grosse Folgen haben: Fehlende Handläufe, ungenügende Absturzsicherungen oder eine für Menschen mit Demenz ungeeignete Beleuchtung können zu ernsthaften Risiken führen.
Auch während der Pandemie setzte Bizzarri ihre Aufsichtsbesuche fort. Sie wollte vor Ort sehen, ob Hygienevorgaben, Lieferwege und die Organisation des Besucherstroms funktionierten. Ihre Forderungen stiessen nicht immer sofort auf Begeisterung. Mit der Zeit habe sich die Haltung jedoch verändert.
Prägend waren für sie auch zwei Fälle, in denen der Bezirksrat wegen schwerer Konflikte innerhalb einer Gemeinde beziehungsweise einer Schulpflege aufsichtsrechtlich eingreifen musste. Die Aufgabe bestand darin, die Funktionsfähigkeit der Gremien trotz heftiger Auseinandersetzungen aufrechtzuerhalten. In einem Fall richtete sich die Aggression sogar gegen den Bezirksrat selbst. Solche Situationen seien anspruchsvoll, glücklicherweise aber selten.
Mehr Transparenz für die Bezirksräte
Ein Thema, das Bizzarri schon lange beschäftigt, ist die Transparenz. Bereits 2015 setzte sie sich in einer Arbeit im Rahmen ihres Nachdiplomstudiums mit der Öffentlichkeit der Bezirksratsarbeit auseinander. Für sie ist klar: Staatliches Handeln muss nachvollziehbar sein.
Dass künftig mehr Entscheide der Bezirksräte öffentlich publiziert werden sollen, freut sie deshalb besonders. Ein entsprechender Vorstoss im Kantonsrat bringt Bewegung in die Sache. Mehr Transparenz stärkt aus ihrer Sicht das Vertrauen der Bevölkerung in die Behörden und in das Justizsystem.
Nun beginnt für Bizzarri ein neuer Abschnitt. Sie verabschiedet sich mit grossem Dank von ihren Kolleginnen und Kollegen im Bezirksrat und in der Kanzlei sowie von den zahlreichen Menschen, mit denen sie während ihrer Amtszeit zusammengearbeitet hat. Besonders wichtig war ihr stets ein sachlicher und respektvoller Austausch auf Augenhöhe.
Das Recht durchzusetzen, sei die Aufgabe des Bezirksrats. Doch dies könne mit Augenmass und manchmal auch mit einer Portion Humor geschehen. Nach mehr als einem Jahrzehnt im Amt bleibt bei Bizzarri vor allem die Überzeugung, dass viele Menschen täglich ihren Beitrag für den Bezirk und seine Bevölkerung leisten. Dafür, sagt sie, verdienten alle Anerkennung und Dank. e






